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Wenn Heilung leise wird: Warum ein „roter“ Nervensystemzustand manchmal hilfreich sein kann

In meiner Arbeit mit dem Nervensystem, mit Trauma und inneren Anteilen begegnet mir immer wieder die Vorstellung, Heilung müsse intensiv, dramatisch oder kathartisch sein. Als müsste sich etwas explosionsartig lösen, damit wirkliche Veränderung stattfinden kann.


Vor Kurzem hatte ich eine Therapiesitzung, die mich erneut daran erinnert hat, dass tiefgreifende Transformation oft ganz anders aussieht.


Ich war mit der Absicht in die Sitzung gegangen, einen verletzten Anteil zu begleiten, der noch viel Traumaenergie in sich trägt. In der Sprache der Arbeit mit inneren Anteilen (IFS) könnte man sagen: Ein Teil von mir brauchte Aufmerksamkeit, Mitgefühl und Nachnährung.


Doch statt dieses Anteils trat zunächst ein anderer in den Vordergrund.

Ein Anteil, der viel „rote“ Nervensystemenergie mitbrachte.


Nach der Polyvagal-Theorie würden wir diesen Zustand häufig mit Immobilisierung, Rückzug oder Kollaps verbinden. Ein Zustand, der oft vorschnell als problematisch bewertet wird.


Doch in dieser Situation erfüllte dieser Anteil eine wichtige Funktion.

Er dämpfte die Aktivierung meines Systems.


Nicht so stark, dass ich den Kontakt zu mir selbst verlor. Nicht so stark, dass ich dissoziierte oder abschaltete. Sondern gerade genug, um mich vor Überflutung zu schützen.


Dadurch entstand etwas, das in der Traumaheilung von unschätzbarem Wert ist:

Sicherheit.


Ich konnte den verletzten Anteil wahrnehmen, ohne von seinen Gefühlen überwältigt zu werden. Ich konnte mit ihm in Beziehung bleiben, ihn sehen und ihm das geben, was damals gefehlt hatte.


Die eigentliche Transformation geschah nicht durch Entladung.

Sie geschah durch Kontakt.


Nervensystemregulation bedeutet nicht, immer „grün“ zu sein

Wenn wir über Nervensystemregulation sprechen, entsteht leicht der Eindruck, das Ziel müsse sein, möglichst dauerhaft im „grünen“ Zustand zu bleiben – also im Bereich von Sicherheit, Verbindung und Social Engagement.


In der Realität sind wir jedoch lebendige Wesen.

Unser Nervensystem (und unsere Anteile) bewege sich ständig zwischen verschiedenen Zuständen.


Aus Sicht der Polyvagal-Theorie sind weder Kampf-Flucht-Reaktionen noch Immobilisierungszustände grundsätzlich problematisch. Sie sind zunächst einmal intelligente Überlebensstrategien.


Die entscheidende Frage lautet nicht:

„Wie komme ich möglichst schnell aus diesem Zustand heraus?“

Sondern:

„Welche Funktion erfüllt dieser Zustand gerade?“


In meiner Sitzung erfüllte der „rote“ Anteil eine regulierende Funktion. Er sorgte dafür, dass ich dem traumatisierten Anteil begegnen konnte, ohne überwältigt zu werden.

Das Nervensystem tat genau das, wofür es geschaffen wurde: Es schützte mich.


Heilung geschieht oft im Unspektakulären

Gerade in der traumasensiblen Arbeit erleben wir immer wieder, dass nachhaltige Veränderung selten in den dramatischen Momenten entsteht.


Sie entsteht häufig dann, wenn das Nervensystem genügend Sicherheit erlebt, um eine neue Erfahrung machen zu können.

Wenn ein verletzter Anteil zum ersten Mal verstanden wird.

Wenn Selbstmitgefühl an die Stelle von Selbstkritik tritt.

Wenn ein Mensch spürt:

„Ich muss das nicht mehr allein tragen.“


Diese Momente sind oft still.

Fast unscheinbar.

Und gerade deshalb übersehen wir sie leicht.

Dabei sind sie häufig die Grundlage echter Integration.


Die Weisheit innerer Anteile

Die Arbeit mit dem Inneren Familiensystem hat mich gelehrt, dass selbst jene Anteile, die wir zunächst ablehnen oder verändern möchten, oft eine wichtige Funktion erfüllen.


Nicht jeder Schutzmechanismus muss aufgelöst werden.

Nicht jede Aktivierung muss reguliert werden.

Nicht jede Traumaenergie muss entladen werden.


Manchmal besteht Heilung darin, die Intelligenz des eigenen Systems zu erkennen.

Zu verstehen, dass selbst ein Anteil mit viel „roter“ Energie versuchen kann, etwas Wertvolles für uns zu tun.


Und manchmal geschieht die tiefste Veränderung genau dann, wenn wir aufhören, gegen uns selbst zu arbeiten.


Leise.

Behutsam.

In Verbindung.


Denn Heilung bedeutet nicht, etwas loszuwerden.

Sondern sich davon nicht länger fesseln zu lassen.



 
 
 

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